Henry Brandt

Henry Brandt

Henry Brandt wurde 1921 in La Chaux-de-Fonds geboren und ist 1998 in den Cevennen verstorben. Er begann seine Karriere als autodidaktischer Fotograf und setzte sie als Regisseur fort. Eine humanistische Perspektive, die nahe und ferne Erlebniswelten in sich vereint und auf der Sorge um die Zukunft der Menschheit gründet, bildet den roten Faden seines gesamten Werkes. Mit seinem Objektiv fängt Brandt die Zersplitterung der Gesellschaft ein und bemüht sich zugleich, ihr ein Solidaritätsempfinden einzuhauchen. Seine Produktionen, bei denen es sich häufig um Auftragswerke handelt, zeugen von einer überraschenden ästhetischen und poetischen Freiheit.

1951 weiht Brandt seine Bolex H16 Kamera ein und verewigt den Alltag des Marktfleckens Valangin, in dem er lebt. Anschließend gibt er dank seiner Beziehungen zur Neuenburger Hochschul- und Kunstszene seinen Lehrerberuf auf und reist im Auftrag und unter der Schirmherrschaft des Ethnographischen Museums Neuenburg in das saharische Afrika. Von dort bringt Brandt ein sehr umfangreiches Material auf verschiedenen Trägern mit, das zur Grundlage für Audio-Reportagen, ein Film und ein Buch wird. Der auf dem Festival von Locarno im Jahr 1955 ausgestrahlte Film Les Nomades du soleil (Nomaden der Sonne) verschafft dem Filmemacher die Anerkennung seiner Kollegen. Dank dieses Erfolgs vertraut man ihm 1958 die ethnographischen Teile des Monumentalfilmes Les Seigneurs de la forêt (Herrscher des Urwaldes) an, der in Zusammenarbeit mit Heinz Sielmann entsteht und in Belgisch-Kongo unter der Schirmherrschaft von König Leopold III gedreht wird, und anschließend, im Jahr 1960, beauftragt ihn die Pariser evangelische Missionsgesellschaft mit dem Film Madagascar au bout du monde (Madagaskar, eine Insel am Ende der Welt). Nach seiner Rückkehr nach Neuenburg dreht er Quand nous étions petits enfants (Die Bubenjahre), einen Film, der während eines ganzen Jahres in La Brévine entsteht. Anschließend setzt er seine Arbeit für unterschiedliche Auftraggeber fort. Dazu gehören das Rote Kreuz, die Loterie Romande und die Uhrenfabrik Ebauche SA. 1962 wenden sich Henry Brandt, Claude Goretta und Alain Tanner an die Organisatoren der Landesausstellung von 1964, um die Veranstaltung als Sprungbrett für den Jungen Schweizer Film zu nutzen. Ein einziges Projekt, das auf Initiative der Ausstellungsleitung entsteht, wird schließlich Henry Brandt anvertraut. Dabei handelt es sich um den Film La Suisse s’interroge (Die Schweiz im Spiegel), der seinem Urheber ein außergewöhnliches Ansehen auf landesweiter Ebene einbringt. Von diesem Erfolg beflügelt widmet er sich unter Mitwirkung der Weltgesundheitsorganisation einem anspruchsvollen Porträt der Menschheit mit dem Titel Voyage chez les vivants (Der Blaue Planet). Dieser mit Spannung erwartete Film, der das Ergebnis einer zweijährigen Weltreise und eines ebenso großen Zeitaufwands für den Schnitt ist, erntet nicht den erhofften Erfolg. Anfang der 1970er Jahre wendet sich Brandt mit dem Wunsch nach neuen Herausforderungen dem Fernsehsender Télévision suisse romande zu. Der sehr schnelle Produktionsrhythmus, der dort erwartet wird, überschattet seine Beziehung zum Sender. Im letzten Teil seiner Karriere als Filmemacher befasst er sich mit dem Thema Alter. Sein letzter abendfüllender Film, der im Kino gezeigt wurde, Le Dernier Printemps (Der letzte Frühling), prangert an, dass alte Menschen in der westlichen Gesellschaft an den Rand gedrängt werden.

Während seiner gesamten Karriere blieb Brandt dem Dokumentarfilm und dem Auftragsfilm treu, nur im Rahmen der Landesausstellung 1964 unternahm er einen einmaligen Ausflug zum Spielfilm. Sein Werk ist gekennzeichnet durch einen unermüdlichen Wechsel zwischen den Medien, sowie durch ein Pendeln zwischen der Beschreibung der Heimat, die sich mit der schweizerischen Überflussgesellschaft auseinandersetzt, und der Erkundung ferner Länder im Lauf seiner verschiedenen Reisen.

Gabrielle Duboux (GD) und Loïc Salomé (LS)

Portraits d’Henry Brandt

1921

Geburt am 25. Juli in La Chaux-de-Fonds

1939

Reise in den Balkan und in die Türkei

1942

Ausbildung zum Beobachter an der Flugschule der Schweizer Armee

1943

Einsatz als Beobachter in der schweizerischen Luftfahrt (1943–1945)

1946

Reise nach Lappland

1949

Lizentiat der Geisteswissenschaften an der Universität Neuenburg

1950

Tätigkeit als Französischlehrer in La Chaux-de-Fonds, anschließend in Neuenburg (1950-1953)

1951

Reise nach Spanien und Portugal

1953

Reise nach Afrika (1953-1954), im Rahmen des achten Auftrags des Ethnographischen Museums Neuenburg (Aufenthalt in der Sahara aufgrund der Begegnung mit den Wodaabe und den Batammariba, und in der Elfenbeinküste), Entstehung des Films Nomades du soleil (Nomaden der Sonne)

1956

Reise nach Belgisch-Kongo (1956–1957)

Nomades du soleil (Nomaden der Sonne) (Bildband, Guilde du Livre)

1957

Präsentation seiner Fotografien bei der Ausstellung Sahara 57 im Ethnographischen Museum Neuenburg

1959

Reise nach Madagaskar

Pays de Neuchâtel (Das Land Neuenburg) (Bildband, Editions du Griffon)

1961

Gründung der Produktionsfirma „Henry Brandt Production et Réalisation de films - Cortaillod“. Auszeichnung des Films „Quand nous étions petits enfants (Die Bubenjahre)“ mit dem „Silbernen Segel“ bei der 14. Ausgabe des Locarno Film Festivals

Angebot einer Dokumentarfilmreihe mit Alain Tanner und Claude Goretta unter der Leitung der zukünftigen Schweizerischen Landesausstellung in Lausanne 1964.

Reise nach Niger mit Jean Rouch.

1962

Mitbegründer des Verbands Filmregie und Drehbuch Schweiz

1964

Teilnahme an der Expo 64, der Schweizerischen Landesausstellung in Lausanne Entstehung des Films Opération Banyarwanda (Operation Banjaruanda) im Kongo und in Burundi

1966

Reise um die Welt für den Film Voyage chez les vivants (Der Blaue Planet) (Indien, Thailand, Sarawak, Singapur, Philippinen, Hongkong, Japan, Hawaii, USA, später London und Moskau)

1967

Fortsetzung der Weltreise im Senegal und in den USA

1968

Abschluss der Reise in Bratsk in Sibirien, anschließend Filmschnitt in Genf

1969

Mitwirkung in der Eidgenössischen Filmkommission von 1969 bis 1972 als Vertreter des VSF (Verbands Schweizerischer Filmproduzenten)

1970

Vorführung des Films Voyage chez les vivants (Der Blaue Planet) bei den Filmfestspielen von Cannes

L'Aventure des hommes (Das Abenteuer Mensch) (Bildband, Mondo)

1972

Erstmalige Zusammenarbeit mit dem Fernsehsender Télévision suisse romande

1975

Starkes Interesse an der Thematik des Alters, Entstehung des Films Dernier Printemps (Letzter Frühling)

1977

Entstehung der Bildungssendungen Molécules (Moleküle) in Zusammenarbeit mit Rafel Carreras und Jacqueline Brandt

1982

Entstehung des Films Nous étions les rois du monde. Chronique de l’année 1983 au Val-de-Travers (Als wir die Könige der Welt waren) (1982-1983)

1998

Tod am 26. Juli in Saint-Ambroix (Gard, Frankreich)

1952

Valangin: découverte et présentation d’un bourg (Ein Marktflecken stellt sich vor), Schweiz

1955

Les Nomades du soleil (Nomaden der Sonne), Schweiz

Les Hommes des châteaux (Die Menschen aus den Burgen), Schweiz

1958

Les Seigneurs de la forêt (Herrscher des Urwaldes), Heinz Sielmann und Henry Brandt, Belgien

1960

Madagascar au bout du monde (Madagaskar, eine Insel am Ende der Welt), Schweiz

1961

Quand nous étions petits enfants (Die Bubenjahre), Schweiz

1962

La Chance des autres (Das Glück der anderen), Schweiz

1964

Les Hommes de la montre (Die Uhrmenschen), Schweiz

La Suisse s’interroge (Die Schweiz im Spiegel), Schweiz MIT Corinne Coderey, Bernard Junod, Christophe Brandt

Opération Banyarwanda (Operation Banjaruanda), Schweiz

1968

Wonderen van het Afrikaanse would (Forêt secrète d’Afrique / Verborgener Wald Afrikas), Heinz Sielmann, in Zusammenarbeit mit Henry Brandt, Belgien

1970

Voyage chez les vivants – L’Aventure des hommes (Reise zu den Lebenden - Das Abenteuer Mensch), Schweiz

1973

Terre à vendre (Boden zu verkaufen), Schweiz

1977

Le Dernier Printemps (Der letzte Frühling), Schweiz

Paul Chaudet, Winzer, Staatsrat, Bundesrat, Bundespräsident, am 16. März 1976 – Aus den Aufnahmen für den Film Le Dernier Printemps (Der letzte Frühling) von Henry Brandt entnommenes Porträt (1977), Plans-Fixes (1976), Schweiz

Charles-Frédéric Fauquex, Winzer, Ständerat, Ständeratspräsident, am 16. März 1976 – Aus den Aufnahmen für den Film Le Dernier Printemps (Der letzte Frühling) von Henry Brandt entnommenes Porträt (1977), Plans-Fixes (1977), Schweiz

Eudoxie (Eudokia), Schweiz

1979

Le Bâton et la Carotte (Schöne Aussichten. Der Stecken und die Rübe), Schweiz

1981

Jamais je ne t’oublierai (Ich werde dich nie vergessen), Schweiz

1985

Nous étions les rois du monde. Chronique de l’année 1983 au Val-de-Travers (Früher waren wir die König. Wir waren des Welt), Schweiz

1987

Le Blé des pharaons (Pharaonengetreide), Schweiz

1972

Chronique de la planète bleue (Des Stern des Menschen), TSR, Suisse :
  Les Ombres du bout du monde (Das goldene Zeitalter)
  Mon prochain s’appelle Milliard (200'000 Menschen mehr jeden Tag)
  Atteindre l’An 2100 (Ewig leben oder überleben)
  La Route de la famine (Die Strasse des Hungers)
  La Bataille de la malaria (Feldzug gegen die Malaria)
  Suman ou la Paix de l’esprit (Suman oder der innere Frieden)
  Hiroshima, ou des Hommes et des souris (Hiroshima, oder von Menschen und Mäusen)
  Les Paysannes de Casamance (Casamance)
  Joseph ou les Commodités de la ville (Joseph von Dakar oder die Annehmilichkeiten der Stadt)
  Bratsk, Sibérie, An 15 (Bratsk)
  Les Enfants de Ramanagaram (Ramanagaram)
  Nini, de San Francisco, ou le Refus de l’héritage (Nini aus San Francisco oder das abgewiesene Erbe)
  Voici l’homme! (Sehet, welch ein Mensch!)

1973

S. Corinna Bille et Maurice Chappaz (Erinnerungen von Corinna Bille und Maurice Chappaz, TSR, Schweiz

La Maison ouverte (Das offene Haus), TSR, Schweiz

1977

Molécules (Moleküle), 1977–1982, Rafel Carreras und Jacqueline Brandt, TSR, Schweiz